Sprengstoff-Drohne: Warum der Flughafen Leipzig/Halle immer wieder zum Sabotageziel wird
Leipzig/Halle ist einer der wichtigsten Frachtflughäfen Europas und ein zentraler Knotenpunkt für militärische Transporte.

Nach dem Fund einer mit Sprengstoff präparierten Drohne am Flughafen Leipzig/Halle sprach Bundesinnenminister Alexander Dobrindt von einem „hybriden Angriffsszenario“. Nach einer Lagebesprechung mit den Ermittlungsbehörden sagte er: „Das ist eine neue Bedrohungsstufe.“
Drohnen wurden in Deutschland bereits mehrmals in der Nähe sensibler Einrichtungen gesichtet. Im Urteil des Innenministers stellt eine mit Sprengstoff bestückte Drohne jedoch eine neue Eskalationsstufe dar.
Laut Medienberichten enthielt die Drohne ein hochbrisanten Sprengstoffgemisch. Dass sie nicht detonierte, lag demnach offenbar nur daran, dass sich der Zünder gelöst hatte.
Dobrindt geht nicht davon aus, dass Amateure hinter dem Vorfall stecken. Zudem sagte er, dass „ausländische Mächte“ beteiligt sein könnten, ohne ein bestimmtes Land zu nennen.
Drohnen-Vorfälle über mehrere Jahre
Der aktuelle Vorfall ist Teil einer Serie von Sicherheitsverstößen am Flughafen Leipzig/Halle. In den vergangenen Monaten gab es dort wiederholt unerlaubte Drohnenflüge. Der Standort gehört seit einiger Zeit zu den am stärksten betroffenen Flughäfen in Deutschland.
Zahlen der Deutschen Flugsicherung zeigen, dass 2023 bundesweit 151 Drohnen-Vorfälle registriert wurden. Mit jeweils 21 Fällen zählten die Flughäfen in Frankfurt und Leipzig/Halle zu den am häufigsten betroffenen Standorten. Immer wieder musste der Flugbetrieb aus Sicherheitsgründen vorübergehend eingestellt werden.
Auch Sabotageversuche gab es dort bereits. Im Juli 2024 sollen laut Ermittlern mutmaßliche Täter vier mit Brandvorrichtungen präparierte Pakete über die Paketdienste DHL und DPD verschickt haben.
Die Sendungen sollten während des Fluges in Brand geraten. In Leipzig entzündete sich jedoch eines der Pakete bereits in einem Sortierzentrum vor dem Abflug. Der damalige Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Thomas Haldenwang, erklärte später, dass die Sendung einen Flugzeugabsturz hätte verursachen können.
Doch warum wird ausgerechnet Leipzig immer wieder zum Ziel? Dafür gibt es mehrere Gründe.
Kritische Infrastruktur und militärischer Knotenpunkt
Der Flughafen Leipzig/Halle ist einer der größten Frachtumschlagplätze Europas und gehört zur kritischen Infrastruktur Deutschlands. Seine Rolle als internationales Luftfrachtzentrum ist besonders wichtig. DHL selbst bezeichnet den Standort als das „Herz einer globalen Logistikkette“.
Laut Unternehmensangaben werden dort täglich mehr als 2.500 Tonnen Fracht abgefertigt. Jährlich verzeichnet der Flughafen rund 23.600 Flugbewegungen im Frachtverkehr. Nacht für Nacht werden tausende Tonnen Sendungen entladen, sortiert und wieder verladen.
Der Flughafen hat zudem seit den frühen 2000er-Jahren militärische Bedeutung.
Während des Afghanistan-Einsatzes entwickelte sich Leipzig/Halle zeitweise zu einem wichtigen militärischen Drehkreuz.
Hunderttausende US-Soldaten nutzten den Flughafen für Zwischenstopps. Auch die Bundeswehr transportierte von dort aus Panzer, Helikopter und andere militärische Ausrüstung.
NATO und EU nutzen in Leipzig stationierte Antonow-Maschinen
Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine im Jahr 2022 hat die strategische Bedeutung des Standorts weiter erhöht. Am Flughafen Leipzig/Halle wird das Lufttransportprogramm Strategic Airlift International Solution (SALIS) betrieben, das von der NATO-Unterstützungs- und Beschaffungsagentur (NSPA) verwaltet wird.
Durch diese Zusammenarbeit sichern sich derzeit neun NATO-Staaten den Zugang zu Antonow AN-124-100-Transportflugzeugen für besonders schwere oder übergroße Fracht, die nicht von kleineren Militärtransportern wie dem Airbus A400M befördert werden können.
Grundlage ist ein Fünfjahresvertrag, der 2021 zwischen der NATO-Unterstützungs- und Beschaffungsagentur (NSPA) und dem Unternehmen Antonov Logistics SALIS unterzeichnet wurde, das seinen Hauptsitz am Flughafen Leipzig/Halle hat.
Die Vereinbarung garantiert den teilnehmenden Ländern den Zugang zu mehreren Antonow-Maschinen, die je nach Dringlichkeit innerhalb weniger Tage einsatzbereit sein können. Die Flugzeuge werden für NATO-, EU- und nationale Missionen eingesetzt und transportieren regelmäßig militärische Hardware und andere Großraumfracht.
Leipzig/Halle ist daher nicht nur Heimat eines der wichtigsten Frachtumschlagplätze Europas, sondern auch ein zentraler Knotenpunkt für strategische Schwerlasttransporte der beteiligten NATO-Staaten.
Seit Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine hat Leipzig zusätzlich an Bedeutung gewonnen. Da der reguläre Betrieb der Antonow-Flotte in der Ukraine stark eingeschränkt ist, wurde der Flughafen zu einer der wichtigsten Basen von Antonov Airlines außerhalb der Ukraine. Dort befinden sich Wartungseinrichtungen, zudem wird ein neues großes Wartungshangar gebaut.
Der Sicherheitsexperte Nico Lange ordnet den aktuellen Vorfall daher in einem Interview mit dem ZDF in den größeren Kontext der hybriden Kriegsführung Russlands gegen Deutschland ein. Dazu zählen neben Drohnenüberflügen auch Sabotage, Brandstiftung und Cyberangriffe. Ein konkreter Bezug zum aktuellen Vorfall ist jedoch noch nicht offiziell bestätigt.
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Deutschland rüstet Drohnenabwehr aus
Die wachsende Zahl von Drohnen-Vorfällen beschäftigt mittlerweile zahlreiche europäische Staaten. Vor allem im Baltikum wurden in den vergangenen Monaten mehr Vorfälle registriert. Ende Mai erklärte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen während eines Besuchs in Vilnius, Russland nutze Drohnen gezielt, um die Sicherheit des Luftraums der Europäischen Union zu testen. Dies sei Teil einer Strategie, demokratische Gesellschaften zu destabilisieren.
Deutschland hat daher in den vergangenen Monaten schrittweise seine Abwehrmaßnahmen ausgebaut. Bundesinnenminister Dobrindt hatte bereits gefordert, Drohnen künftig konsequenter zu erkennen, abzufangen und notfalls abzuschießen. Seit Oktober 2025 darf die Bundespolizei unter bestimmten Bedingungen Drohnen abschießen.
Am Flughafen Leipzig/Halle wurde mittlerweile auch ein spezialisiertes Drohnenabwehrsystem installiert. Dennoch spricht Sachsens Innenminister Armin Schuster von einem „Wettrüsten“ zwischen Angreifern und Sicherheitsbehörden.
Trotz der neuen Befugnisse sehen Experten noch Nachholbedarf. Der Drohnenexperte Christian Kaiser erklärte bei ZDFheute, dass das tatsächliche Abschießen einer Drohne nur der letzte Schritt sei. Zuerst müsse eine Drohne überhaupt erkannt werden – etwa mit Frequenzscannern, Kameras oder Radarsystemen.
Erst dann könne bewertet werden, ob tatsächlich eine Gefahr besteht und welche Maßnahmen ergriffen werden müssen.


