Fact‑Check: Wie ungenaue und widersprüchliche Behauptungen das EU‑Referendum in Island beeinflusst haben könnten
Das isländische EU‑Referendum brachte für die Wähler eine Reihe wichtiger Themen mit sich, aber auch zahlreiche unklare Behauptungen.

Unsicherheit über Fischereikontingente könnte viele isländische Wähler davon abgehalten haben, einen Weg zur EU‑Mitgliedschaft einzuschlagen.
Am 29. August stimmte das Land mit 52,8 % gegen die Wiederaufnahme von Verhandlungen mit Brüssel, wobei die Gespräche zwischen beiden seit 2013 ausgesetzt waren.
Der Wahlkampf war heftig und, wie bei vielen wichtigen Volksabstimmungen in den letzten Jahren, war er ebenfalls von ungenauen Behauptungen geprägt, die online und in den Medien kursierten.
Eine davon betraf den Hauptstreitpunkt des Referendums: die Fischerei.
Einige Medien berichteten über Gespräche zwischen Islands Außenministerin Þorgerður Katrín Gunnarsdóttir und dem niederländischen Premierminister Rob Jetten über eine Sonderausnahme von der EU‑Gemeinsamen Fischereipolitik.
Sie berichteten, dass Gunnarsdóttir behauptet habe, solche Ausnahmen seien diskutiert worden, und dass die niederländische Regierung ihre Darstellung vehement zurückgewiesen habe.
Gunnarsdóttir wies diese Behauptungen jedoch später wies diese Behauptungen ab, was die Presse dazu brachte, zuzugeben, dass die Geschichte weitgehend falsch berichtet worden war.
Dennoch traf es einen empfindlichen Nerv: Die Kontrolle über Fischereigebiete wird in Island vehement verteidigt, so sehr, dass es in den 1950er‑ und 1970er‑Jahren zu einer Reihe von Auseinandersetzungen zwischen Island und dem Vereinigten Königreich kam – bekannt als die Kabeljaukriege.
Ein EU‑Beitritt würde wahrscheinlich bedeuten, einen Teil seines Kontingents im Rahmen der Gemeinsamen Fischereipolitik aufzugeben, wobei jedoch kein Konsens darüber besteht, wie viel Island genau abgeben müsste.
Einige Experten argumentieren, dass das Kontingent minimal wäre und hauptsächlich pelagische Fischarten (z. B. Heringe, Sardinen, Makrelen) betreffen würde, die über das Meer migrieren und nicht dauerhaft in isländischen Gewässern verweilen.
Das Versäumnis, dieses sensible Thema frühzeitig anzugehen, habe jedoch laut dem International‑Relations‑Experten Arno Minasian die Begeisterung der Wähler für eine EU‑Mitgliedschaft gedämpft.
Etwa 4 % der isländischen Erwerbsbevölkerung sind in der Fischerei beschäftigt, und der Sektor macht rund 8 % des BIP aus. „Die Fischerei hat also ein großes wirtschaftliches und politisches Gewicht“, fügte Minasian hinzu.
„Wenn Island und die EU das nicht von vornherein verhandeln können, ist es ziemlich unrealistisch, dass die Isländer zustimmen würden, diese Kontingente über die Gemeinsame Fischereipolitik aufzuerlegen“, sagte er.
Alle Verpflichtungen, keine Vorteile?
Eine weitere irreführende Behauptung betraf Islands EU‑bezogene Rechte als Nicht‑EU‑Mitglied.
Einige, darunter der ehemalige Premierminister Sigmundur Davíð Gunnlaugsson, behaupteten, dass Island bereits als Teil des Europäischen Wirtschaftsraums alle Vorteile einer EU‑Mitgliedschaft genieße.
Gunnlaugsson, der inzwischen Vorsitzender der Zentrumspartei ist, fügte hinzu, dass ein EU‑Beitritt lediglich Nachteile und Verpflichtungen mit sich brächte, jedoch keine zusätzlichen Vorteile.
Zwar stimmt es, dass Reykjavík als Mitglied des Europäischen Wirtschaftsraums bereits nach vielen wirtschaftlichen Vorgaben der EU handelt, doch ohne eigentliche EU‑Mitgliedschaft hat es keinen Sitz am Tisch, wenn die Regeln festgelegt werden.
Island hat weder Stimmen im Europäischen Parlament noch eine Rolle in der Europäischen Kommission. Zudem entgeht ihm eine Reihe von EU‑Subventionen und -Fonds.
Was die Kosten für den Zugang zur EU betrifft, nannten die gegnerischen Lager stark unterschiedliche Zahlen.
Die „No“‑Fraktion nannte die Summe mit bis zu 1 Milliarde € pro Jahr, während prominente Pro‑EU‑Vertreter von etwas über 50 Millionen € sprachen.
Letzteres erscheint laut einer Studie des unabhängigen Think‑Tanks Evropustraumar weitaus plausibler, die besagt, dass Islands Netto‑EU‑Mitgliedschaftskosten bei etwa 60 Millionen € pro Jahr liegen würden.


