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Technologie30. August 2026

Vom Doomscrolling zur Nomophobie: neue digitale Bedingungen des Zeitalters, die unser Gehirn neu formen

Doomscrolling, Nomophobie, FOMO und Social‑Media‑Sucht: die neuen digitalen Störungen, was sie bedeuten und wann Smartphones zum Problem werden

Vom Doomscrolling zur Nomophobie: neue digitale Bedingungen des Zeitalters, die unser Gehirn neu formen

Können Sie nicht fünf Minuten ohne einen Blick auf Ihr Handy auskommen? Öffnen Sie Instagram „nur für einen Moment“ und merken erst nach einer halben Stunde, dass Sie immer noch dabei sind? Wachen Sie nachts auf und das Erste, was Sie tun, ist, Ihre Benachrichtigungen zu prüfen? Oder scrollen Sie weiter durch schlechte Nachrichten, obwohl Sie genau wissen, dass sie Sie ängstigen?

Willkommen im Zeitalter der neuen digitalen Süchte.

Experten betonen, dass es nicht darum geht, Smartphones, soziale Netzwerke oder Videospiele zu verteufeln. Die digitale Welt ist inzwischen Teil unseres Lebens und kann enorme Vorteile bringen. Das Problem entsteht, wenn die Nutzung schwer zu kontrollieren wird und beginnt, Schlaf, Arbeit, Studium, Beziehungen oder körperliche Aktivität zu verdrängen.

Und die Forschung beginnt, vielen dieser Verhaltensweisen einen Namen zu geben.

Die erste echte Diagnose: Gaming‑Störung

Eine Unterscheidung ist entscheidend. Nicht alles, was als „Smartphone‑Sucht“ bezeichnet wird, ist offiziell eine Krankheit.

Die Weltgesundheitsorganisation hat jedoch in der Internationalen Klassifikation der Krankheiten (ICD‑11) die Gaming‑Störung anerkannt.

Das bedeutet nicht, dass viel Spielen automatisch eine Krankheit ist. Bei der Störung geht es um den Verlust der Kontrolle über das Spielen, eine wachsende Priorität des Spielens gegenüber anderen Aktivitäten und das Fortsetzen des Verhaltens trotz negativer Folgen. Für eine Diagnose muss ein erheblicher Einfluss auf das persönliche, familiäre, soziale, schulische oder berufliche Leben bestehen, in der Regel über mindestens 12 Monate.

Und sie betrifft eine Minderheit der Spieler, nicht jeden, der ein paar Stunden vor einer Konsole verbringt.

Social‑Media‑Süchtige: Wenn endloses Scrollen das Problem ist

Hier wird das Bild unschärfer.

Social‑Media‑Sucht, in der Forschung oft als problematischer Social‑Media‑Gebrauch oder Social‑Media‑Nutzungsstörung bezeichnet, ist derzeit keine eigenständige ICD‑11‑Diagnose wie die Gaming‑Störung.

Doch das Phänomen wurde inzwischen umfassend untersucht.

Die Anzeichen sind ziemlich intuitiv: Aufhören zu wollen und es nicht zu können, mehr Zeit online zu verbringen als geplant, ein starkes Bedürfnis zu verspüren, Social Media zu prüfen, andere Aktivitäten zu vernachlässigen, reizbar zu werden, wenn man keinen Zugang zu den Plattformen hat, oder sie weiter zu nutzen, obwohl sie Probleme verursachen.

Die American Psychological Association fordert die Menschen auf, genau auf diese Verhaltensweisen zu achten, insbesondere bei Jugendlichen.

Und die Zahlen sind beeindruckend. Laut der neuesten großen Studie „Health Behaviour in School‑aged Children“ (HBSC) der Weltgesundheitsorganisation in Europa, durchgeführt mit fast 280 000 jungen Menschen im Alter von 11, 13 und 15 Jahren in 44 Ländern und Regionen, zeigen 11 % der Jugendlichen Anzeichen für problematischen Social‑Media‑Gebrauch, verglichen mit 7 % im Jahr 2018. Der Anteil steigt bei Mädchen auf 13 % und fällt bei Jungen auf 9 %.

  • Mehr Menschen beziehen Nachrichten aus sozialen Medien als aus traditionellen Medien, zeigt die Studie

FOMO: Die Angst, der Einzige zu sein, der nicht weiß

Eine der stärksten Fallen der sozialen Medien trägt jetzt einen äußerst vertrauten Namen: FOMO, Fear Of Missing Out (Angst, etwas zu verpassen).

Es ist das Gefühl, das einen denken lässt: „Was, wenn in der Zwischenzeit etwas passiert ist?“.

Also prüfen wir WhatsApp, Instagram, TikTok, die Nachrichten und Chats, selbst wenn wir keinen wirklichen Grund dazu haben.

FOMO ist keine psychiatrische Diagnose. Es ist jedoch ein psychologisches Phänomen, das im Zusammenhang mit problematischer Internet- und Social‑Media‑Nutzung untersucht wird. Eine 2024 veröffentlichte Studie untersuchte genau die Verbindung zwischen FOMO, problematischer Social‑Media‑Nutzung und Doomscrolling und stellte fest, dass Mechanismen der Emotionsregulation eine wichtige Rolle spielen.

Mit anderen Worten: Je stärker wir das Bedürfnis nach digitalen Werkzeugen verspüren, um Angst, Langeweile oder unangenehme Gefühle zu bewältigen, desto größer ist das Risiko, in einen Teufelskreis zu geraten.

Doomscrolling: Warum wir schlechte Nachrichten weiter lesen

Es ist wahrscheinlich eines der charakteristischsten Phänomene der Smartphone‑Ära.

Doomscrolling ist der zwanghafte Konsum negativer Nachrichten: Kriege, Katastrophen, Krisen, Unfälle, Krankheiten, Skandale. Eine Geschichte führt zur nächsten und der Finger scrollt weiter.

Das Paradoxon ist offensichtlich: Wir suchen nach Informationen, um besser vorbereitet zu sein, und fühlen uns dabei oft noch ängstlicher.

Doomscrolling ist ebenfalls keine eigenständige medizinische Diagnose, hat aber den Fokus der Forschung zu problematischem Online‑Verhalten erlangt. Studien haben es mit FOMO und Schwierigkeiten bei der Emotionsregulation in Verbindung gebracht.

Und es kann zu einer weiteren Falle werden: Je besorgter wir sind, desto mehr Informationen suchen wir; je mehr negative Informationen wir konsumieren, desto stärker wächst unsere Besorgnis.

Nomophobie: Wenn das Handy weg ist, kommt die Angst

„Nomophobie“ ist ein aus den Worten „no mobile phone phobia“ geprägtes Wort.

Es bedeutet nicht einfach „Ich bin verärgert, dass ich mein Handy zu Hause vergessen habe“. Es bezeichnet das Unbehagen oder die Angst, die mit dem Fehlen eines Smartphones, dem Verlust der Verbindung oder der Unfähigkeit, Informationen und digitale Beziehungen abzurufen, verbunden sind.

Auch hier gilt: Man sollte vorsichtig mit den Begriffen sein – es ist keine offizielle eigenständige Diagnose.

Aber es ist ein untersuchtes Phänomen, das zunehmend mit anderen problematischen Verhaltensweisen verknüpft ist. Eine 2026 veröffentlichte Studie analysierte Nomophobie, Social‑Media‑Sucht und FOMO gemeinsam und identifizierte die Angst, Informationen zu verpassen, als eine der wichtigsten Verbindungen zwischen diesen Phänomenen und Symptomen von Angst und Depression.

Kurz gesagt kann das Handy zu einer Art „Sicherheitsobjekt“ werden: Haben wir es, ist alles in Ordnung. Verschwindet es, selbst nur für ein paar Minuten, fühlt sich etwas falsch an.

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Phantom‑Vibration: Das Handy, das vibriert, obwohl es nicht tut

Haben Sie schon einmal sicher gewesen, dass Ihr Handy in der Tasche vibriert, es herausgenommen und festgestellt, dass keine Benachrichtigung eingegangen ist?

Das nennt man das Phantom‑Vibrations‑Syndrom.

Es ist keine anerkannte Krankheit, sondern ein untersuchtes Wahrnehmungsphänomen: Das Gehirn kann winzige physische Reize als Handy‑Vibration interpretieren, besonders wenn wir ständig Benachrichtigungen erwarten.

Es ist fast die digitale Version von „Ich höre jemanden meinen Namen rufen“, obwohl niemand angerufen hat.

Und dann gibt es den durch das Smartphone induzierten Schlafmangel

Das Problem ist nicht nur, wie viel Zeit wir online verbringen. Es ist, wann wir das tun.

Im Bett zu scrollen scheint harmlos: „Ich schaue mir nur zwei Videos an und gehe dann schlafen.“ Das Problem ist, dass diese zwei Videos zu zwanzig Minuten, einer Stunde oder noch länger werden können.

Die APA weist darauf hin, dass die Nutzung von Technologie in der Nähe der Schlafenszeit, insbesondere Social Media, mit Schlafstörungen bei Jugendlichen verbunden ist.

Und eine 2025 veröffentlichte Längsschnittstudie fand einen Zusammenhang zwischen problematischer Social‑Media‑Nutzung und späteren depressiven sowie ängstlichen Symptomen, wobei Schlafprobleme offenbar eine teilweise Rolle in der Verbindung spielen. Die Autoren betonen jedoch, dass die Beziehung komplex ist und nicht automatisch als Ursache‑Wirkungs‑Zusammenhang interpretiert werden sollte.

Die praktische Erkenntnis ist leicht zu erfassen: Wenn das Handy unseren Schlaf raubt, ist das Problem nicht mehr nur die vor dem Bildschirm verbrachte Zeit.

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Social Media und der Körper: Die physischen Auswirkungen

Die digitale Revolution betrifft nicht nur das Gehirn.

Stunden vor einem Bildschirm können weniger Bewegung, mehr sitzendes Verhalten, Augenbelastungen und muskulär‑skeletale Probleme bedeuten, die mit dem langen Verharren in derselben Haltung zusammenhängen.

Der sogenannte Tech‑Neck, das „Smartphone‑Nacken“, ist heute ein gängiger Ausdruck für die Schmerzen und Verspannungen, die mit der Haltung einhergehen, den Kopf zum Gerät zu neigen. Es ist keine neue medizinische Diagnose, beschreibt aber ein sehr konkretes Problem: Wir verbringen immer mehr Zeit mit nach vorne gebeugtem Nacken vor einem Bildschirm.

Die WHO hebt bei der Diskussion über die mit problematischer Nutzung von Technologie und Gaming verbundenen Auswirkungen ebenfalls sitzendes Verhalten, muskulär‑skeletale Probleme, Schlafstörungen und Sehprobleme hervor.

Das Gehirn ist nicht „krank“: Es ist das Verhalten, das problematisch wird

Und das ist vielleicht die wichtigste Unterscheidung.

Wir sollten nicht jede digitale Gewohnheit zu einer Diagnose machen.

Eine Stunde TikTok zu schauen, am Wochenende ein Videospiel zu spielen, Instagram zu checken oder Nachrichten zu lesen, bedeutet nicht zwangsläufig, süchtig zu sein. Die reine Menge reicht nicht aus.

Was wirklich den Unterschied macht, ist die Kontrolle und die Auswirkung auf das tägliche Leben. Die zu stellende Frage ist daher nicht nur: „Wie viele Stunden verbringe ich mit meinem Handy?“ sondern vielmehr: „Kann ich aufhören, wenn ich will? Und was opfere ich, um weiterzumachen?“

Wenn das Handy beginnt, Schlaf, Arbeit, Studium, Beziehungen, Sport oder das reale Leben zu verdrängen, wird das Warnsignal deutlich ernster.

Die neue Grenze: Eine mögliche „Social‑Media‑Sucht“?

Die Forschung geht weiter.

Im Jahr 2025 schlug eine Forschergruppe Kriterien für eine mögliche Klassifikation der Social‑Media‑Use‑Disorder vor und identifizierte den Kontrollverlust sowie eine Verschlechterung der Alltagsfunktion als zentrale Elemente. Zu den möglichen Kriterien zählen auch eine Präferenz für Online‑Interaktionen und FOMO.

Doch wir befinden uns noch im Forschungsbereich und nicht vor einer neuen offiziellen Diagnose.

Und genau hier liegt der zukünftige Kampf: zu verstehen, wann eine Technologie, die entwickelt wurde, um unsere Aufmerksamkeit zu fesseln, nicht mehr ein nützliches Werkzeug ist, sondern zu einem schwer kontrollierbaren Verhalten wird.

Denn das eigentliche Problem ist vielleicht nicht das Smartphone selbst.

Es könnte die Tatsache sein, dass wir eine digitale Welt geschaffen haben, die uns alle paar Sekunden sagt: „Hey, schau mich an. Du hast etwas verpasst.“

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