Überreste von zwei Wehrmachtssoldaten in der Donau gefunden: Einer diente in der Waffen-SS
Ein Wehrmacht-Motorrad wird aus der Donau geborgen; darunter liegen die Überreste zweier deutscher Soldaten mit Erkennungsmarken, einer vermutlich aus der Waffen-SS.

Mehr als acht Jahrzehnte lagen die Überreste zweier deutscher Soldaten im Schlamm der Donau. Erst der außergewöhnlich niedrige Wasserstand des Flusses in Budapest hat ihre Geschichte wieder ans Licht gebracht.
Beide Leichen trugen noch intakte deutsche Erkennungsmarken, was den Ermittlern eine ungewöhnlich gute Chance bietet, die Männer nach über 80 Jahren zu identifizieren.
- Donau: Wehrmachtssoldaten und Motorrad aus dem Zweiten Weltkrieg nach 80 Jahren geborgen
Die Entdeckung steht in engem Zusammenhang mit einem bemerkenswert gut erhaltenen DKW NZ 350-1 Motorrad, das Anfang August am Budaseeufer der Donau gefunden wurde.
Unterhalb oder direkt neben dem Motorrad stießen Mitarbeitende des Ungarischen Instituts und des Militärgeschichtlichen Museums auf die menschlichen Überreste. Der Volksbund-Mitarbeiter Gábor Kohlrusz sicherte die Gebeine der beiden Männer aus dem freigelegten Flussbett.
Seit vielen Jahren arbeitet Kohlrusz in Ungarn für den Volksbund und beerdigt Kriegstote wieder. Zu seinen Aufgaben gehören das Suchen, Bergen und Dokumentieren deutscher Kriegstoter sowie das Sichern persönlicher Gegenstände und Erkennungsmarken. Gemeinsam mit Historikern und lokalen Partnern hilft er, die Identitäten der Gefallenen festzustellen und Licht in lang ungeklärte Schicksale des Krieges zu bringen.
Zwei Verstorbene, die wahrscheinlich noch als vermisst geführt wurden
Im Zweiten Weltkrieg wurde die Erkennungsmarke eines gefallenen deutschen Soldaten in zwei Hälften geteilt: die eine Hälfte blieb beim Leichnam, die andere wurde an das Wehrmachts-Informationsamt in Berlin gesandt, damit die Tode registriert und die Angehörigen informiert werden konnten.
Da beide aus der Donau geborgenen Erkennungsmarken noch vollständig waren, deutet das darauf hin, dass ihre Familien vermutlich vergeblich auf eine offizielle Benachrichtigung warteten.
Zusätzlich zu den Erkennungsmarken wurden ein Ehering und ein Kuban-Ärmelabzeichen gefunden. Wenn das Abzeichen eindeutig einem der beiden Verstorbenen zugeordnet werden kann, könnte es einen wichtigen Hinweis auf seine militärische Laufbahn geben. Das Kuban-Abzeichen wurde 1943 an deutsche Soldaten verliehen, die am Kuban-Brückenkopf im Süden der Sowjetunion dienten. Die Auszeichnung wurde im September desselben Jahres eingeführt.
Wird bestätigt, dass einer der beiden Soldaten das Abzeichen trug, würde das darauf hindeuten, dass er bereits mehrere Jahre an der Ostfront im Einsatz war, bevor er starb.
Arne Schrader, Leiter der Abteilung für Kriegsgräberpflege und internationale Beziehungen, weiß, wie schwierig eine solche Zuordnung sein kann. Es sind mehrere Untersuchungen nötig, um festzustellen, ob die beiden Erkennungsmarken tatsächlich zu den gefundenen Leichen gehören. Die Namen der ursprünglichen Träger können relativ zügig ermittelt werden. Doch das allein reicht bei weitem nicht aus, um ihre Identität zu bestätigen.
Die Identifizierung der Verstorbenen ist ein mühsamer Prozess
Ausgangspunkt ist eine detaillierte Untersuchung der Überreste. Schon die Länge einzelner Knochen kann Hinweise auf die Körpergröße des Verstorbenen geben. Wo immer möglich, werden dafür verschiedene Knochen herangezogen – zum Beispiel Unter- und Oberschenkelknochen. Zusammengenommen ergeben diese Befunde nach und nach ein Bild, das mit den bekannten Daten zu den möglichen Trägern der Erkennungsmarken verglichen werden kann.
Es gibt verschiedene anatomische Anzeichen für das Alter der Soldaten, die Fachleuten mit hoher Wahrscheinlichkeit ermöglichen, einzuschätzen, ob ein Knochen zu einer Person unter 20, zwischen 20 und 25 oder zu einer älteren Person ab 40 Jahren gehörte.
Wie alt die beiden Soldaten waren, ist noch nicht bekannt. Die anthropologische Analyse der Überreste soll unter anderem Knochen, Epiphysen und Weisheitszähne nutzen, um ihr ungefähres Alter zu bestimmen.
"Hier können unter anderem das Kreuzbein und die Epiphysen an den langen Knochen ausgewertet werden, und die Weisheitszähne liefern ebenfalls Informationen", erklärt Arne Schrader. Zahnfüllungen können zudem Aufschluss über die Herkunft einer Person geben: Mit Amalgam gefüllte Zähne deuten darauf hin, dass der Verstorbene wahrscheinlich aus Westeuropa stammte.
Eine der in der Donau gefundenen Erkennungsmarken gehörte einem Wehrmachtssoldaten, die zweite einem Mitglied der Waffen-SS.
Es muss noch geklärt werden, ob die Marken tatsächlich zu den beiden geborgenen Leichen passen. Jede vorläufige Identifizierung durch den Volksbund müsste anschließend offiziell vom Bundesarchiv bestätigt werden.
Im Verlauf des Krieges dienten etwa 900.000 Menschen in der Waffen-SS. Darunter befanden sich überzeugte Nationalsozialisten und ausländische Freiwillige, aber insbesondere gegen Kriegsende auch Wehrpflichtige und Minderjährige. Die Waffen-SS war für zahlreiche Kriegsverbrechen verantwortlich und beteiligte sich am Holocaust; 1946 erklärte das Nürnberger Kriegsverbrechertribunal sie zu einer kriminellen Organisation.
Die Fundstelle befand sich in einem Gebiet, in dem Hafenschlamm mit Heizöl vermischt war. Diese ungewöhnlichen Bedingungen haben offenbar dazu beigetragen, sowohl die Motorradteile als auch die Erkennungsmarken in bemerkenswert gutem Zustand zu erhalten.
Der Volksbund kann nun die Details der Marken mit Militärunterlagen, Vermisstenmeldungen und seinem eigenen Service "Gräbersuche online" vergleichen, einer Datenbank, die inzwischen rund 5,4 Millionen Einträge enthält.
Was hat die DKW NZ 350-1 mit den Soldaten zu tun?
Nach aktuellem Kenntnisstand handelt es sich bei dem Motorrad um eine in Sachsen hergestellte DKW NZ 350-1. Dieses Modell wurde ab 1944 speziell für den Kriegseinsatz entwickelt.
Allein die Tatsache, dass das Motorrad zusammen mit den beiden Verstorbenen gefunden wurde, beweist jedoch nicht, dass die Soldaten tatsächlich damit gefahren sind.
Verschiedene Szenarien sind denkbar: Die beiden Männer könnten das Motorrad selbst gefahren haben, einer als Fahrer, der andere als Beifahrer. Es ist ebenso möglich, dass die DKW einer Einheit gehörte, während die beiden Soldaten aus einem anderen Zusammenhang kamen. Das Motorrad könnte den Ort auch erst nach dem Tod der Männer erreicht haben. Die Maschine könnte während der Kämpfe in die Donau gelangt sein oder später absichtlich dort versenkt worden sein.
Auch Munition lag auf dem Flussbett
Während der Bergungsarbeiten musste der Sprengstoffräumdienst hinzugezogen werden, weil neben anderem Gerät auch Typ‑35‑Tellerminen entdeckt wurden – deutsche Panzerabwehrminen aus dem Zweiten Weltkrieg.
Das Ungarische Militärgeschichtliche Institut (Quelle auf Deutsch) (Quelle auf Ungarisch) hält es für möglich, dass die Fundstelle ein Ablagerungsplatz für Kriegsmaterial und Abfälle nach dem Ende der Belagerung ist. Es lässt sich noch nicht eindeutig sagen, ob die Gegenstände dort bewusst entsorgt wurden oder unter welchen Umständen.
Eine Verbindung zur Schlacht um Budapest?
Historisch betrachtet ist eine Verbindung zu den Kämpfen um Budapest plausibel.
Die Schlacht um Budapest dauerte von Ende Oktober bzw. Anfang November 1944 bis zum 13. Februar 1945 und gehörte zu den blutigsten und härtesten Gefechten der Endphase des Zweiten Weltkriegs in Ungarn. Budapest wurde von deutschen und ungarischen Einheiten gegen die sowjetische Rote Armee und rumänische Truppen verteidigt. Nachdem die Stadt Ende Dezember 1944 eingekesselt war, verwandelte sich die Auseinandersetzung in eine langwierige Belagerung, die mit der Einnahme Budapests durch sowjetische Truppen am 13. Februar 1945 endete.
Die Kämpfe waren äußerst heftig und forderten zahlreiche Opfer auf beiden Seiten.
Heute ist der deutsch-ungarische Kriegsgottesacker in Budaörs, westlich von Budapest, die größte Grabstätte für deutsche und ungarische Kriegstote in Ungarn. Er ist vor allem die letzte Ruhestätte der in Budapest und im Gebiet östlich der Donau Gefallenen. Laut Volksbund wurden dort inzwischen 16 630 Verstorbene beigesetzt.
Ob die beiden Männer aus der Donau tatsächlich während der Schlacht um Budapest gefallen sind, wird erst die zukünftige Forschung zeigen. Sicher ist bereits, dass ihre Überreste auf dem Kriegsgottesacker Budaörs beigesetzt werden.
Die Entdeckung zeigt, wie viele Spuren der Vergangenheit noch heute in den Flüssen Europas verborgen sind. Die Donau war nicht nur in Kriegszeiten eine wichtige Verkehrs- und Handelsroute.
Der Volksbund geht ausdrücklich davon aus, dass der derzeit niedrige Wasserstand ebenfalls zu weiteren Bergungen von Kriegstoten aus auftauchenden Schiffswracks führen könnte.
Der Fund in Budapest könnte daher nicht der letzte seiner Art sein.


