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Kultur12. August 2026

Überreste zweier Wehrmachtssoldaten aus der Donau: Einer diente in der Waffen-SS

Ein gut erhaltenes Wehrmacht-Motorrad wird aus der Donau geborgen, zusammen mit den Überresten zweier deutscher Soldaten.

Überreste zweier Wehrmachtssoldaten aus der Donau: Einer diente in der Waffen-SS

Seit mehr als acht Jahrzehnten lagen die Überreste zweier deutscher Soldaten im Schlamm der Donau. Erst der außergewöhnlich niedrige Wasserstand der Donau in Budapest hat ihre Geschichte wieder ans Licht gebracht.

Neben den Leichen wurden vollständig erhaltene deutsche Erkennungsmarken gefunden. Das bietet eine ungewöhnlich gute Chance, die Männer nach über 80 Jahren zu identifizieren.

  • Donau: Wehrmachtssoldaten und Motorrad aus dem Zweiten Weltkrieg nach 80 Jahren geborgen

Die Entdeckung steht in engem Zusammenhang mit einem bemerkenswert gut erhaltenen DKW NZ 350-1 Motorrad, das Anfang August am Budaseeufer der Donau gefunden wurde.

Das Motorrad aus dem Zweiten Weltkrieg wird im Hangar des Militärgeschichtlichen Museums in Budapest gereinigt und restauriert.
Das Motorrad aus dem Zweiten Weltkrieg wird im Hangar des Militärgeschichtlichen Museums in Budapest gereinigt und restauriert. Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V. / Simone Schmid

Direkt unter oder sehr nahe am Motorrad stießen Mitarbeitende des Ungarischen Instituts und Museums für Militärgeschichte auf die menschlichen Überreste. Der Volksbund-Mitarbeiter Gábor Kohlrusz sicherte die Knochen der beiden Männer vom freigelegten Flussbett.

Seit vielen Jahren arbeitet Kohlrusz in Ungarn für den Volksbund als Spezialist für Wiederbestattungen. Zu seinen Aufgaben gehören das Suchen, Bergen und Dokumentieren deutscher Kriegstoter sowie das Sichern persönlicher Gegenstände und Erkennungsmarken. Gemeinsam mit Historikern und lokalen Partnern hilft er, die Identität der Gefallenen festzustellen und Licht in Kriegsschicksale zu bringen, die lange ungeklärt blieben.

Zwei Erkennungsmarken und ein Kuban-Armschild wurden bei den Toten gefunden.
Zwei Erkennungsmarken und ein Kuban-Armschild wurden bei den Toten gefunden. Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V.

Zwei Tote, die wahrscheinlich bis heute als vermisst gelistet waren

Im Zweiten Weltkrieg wurden die Erkennungsmarken gefallener deutscher Soldaten in zwei Hälften geteilt: Eine Hälfte blieb beim Verstorbenen, die andere wurde an das Wehrmachts-Informationsamt in Berlin gesandt, um Todesfälle zu erfassen und Angehörige zu benachrichtigen.

Da beide aus der Donau geborgenen Erkennungsmarken noch vollständig waren, deutet das darauf hin, dass ihre Familien vermutlich vergeblich auf offizielle Nachrichten warteten.

Zusätzlich zu den Erkennungsmarken wurden ein Ehering und ein Kuban-Armschild gefunden. Wenn das Abzeichen eindeutig einem der gefallenen Soldaten zugeordnet werden kann, könnte es einen wichtigen Hinweis auf seine militärische Laufbahn geben. Das Kuban-Abzeichen wurde deutschen Soldaten verliehen, die 1943 am Kuban-Brückenkopf im Süden der Sowjetunion dienten. Die Auszeichnung wurde im September jenes Jahres eingeführt.

Kuban-Armschild: Das 1943 geschaffene Abzeichen wurde deutschen Soldaten verliehen, die am Kuban-Brückenkopf an der Ostfront eingesetzt waren.
Kuban-Armschild: Das 1943 geschaffene Abzeichen wurde deutschen Soldaten verliehen, die am Kuban-Brückenkopf an der Ostfront eingesetzt waren. Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V. / Simone Schmid

Wird bestätigt, dass einer der beiden Soldaten das Abzeichen trug, würde das darauf hinweisen, dass er bereits Jahre vor seinem Tod an der Ostfront eingesetzt war.

Arne Schrader, Leiter des Dienstes für Kriegsgräber und der Abteilung für internationale Beziehungen, weiß, wie schwierig eine solche Zuordnung sein kann. Mehrere Untersuchungen sind nötig, um festzustellen, ob die beiden Erkennungsmarken wirklich zu den gefundenen Leichen gehören. Die Namen der ursprünglichen Träger können relativ zügig ermittelt werden. Das bestätigt jedoch ihre Identität nicht vollständig.

Identifizierung ist ein komplexer Prozess

Der Prozess beginnt mit einer detaillierten Untersuchung der Knochen. Schon die Länge einzelner Knochen kann Hinweise auf die Körpergröße des Verstorbenen geben. Wo immer möglich, werden verschiedene Knochen dafür herangezogen – zum Beispiel die Knochen des Unterschenkels und des Oberschenkels. Zusammen ergeben die Befunde nach und nach ein Bild, das mit den bekannten Daten der möglichen Träger der Erkennungsmarken verglichen werden kann.

Es gibt verschiedene anatomische Referenzpunkte, die Experten mit hoher Wahrscheinlichkeit ermöglichen, einzuschätzen, ob ein Knochen zu jemandem unter 20, zwischen 20 und 25 oder einer älteren Person über 40 Jahren gehörte.

Wie alt die beiden Soldaten waren, ist noch nicht bekannt. Die anthropologische Analyse der Überreste soll unter anderem Knochen, Epiphysen und Weisheitszähne nutzen, um ihr ungefähres Alter zu bestimmen.

"Hier können unter anderem das Kreuzbein und die Epiphysen an den langen Knochen beurteilt werden, und die Weisheitszähne liefern ebenfalls Informationen", erklärt Arne Schrader. Zahnfüllungen können ebenfalls Hinweise auf die Herkunft geben: Mit Amalgam gefüllte Zähne deuten darauf hin, dass der Verstorbene wahrscheinlich aus Westeuropa stammte.

Eine der in der Donau gefundenen Erkennungsmarken gehörte einem Wehrmachtssoldaten, die zweite einem Mitglied der Waffen-SS.

Allerdings muss noch geklärt werden, ob die jeweiligen Marken wirklich zu den beiden geborgenen Leichen passen. Eine vorläufige Identifizierung durch den Volksbund müsste dann offiziell durch das Bundesarchiv bestätigt werden.

Im Verlauf des Krieges dienten etwa 900.000 Menschen in der Waffen-SS. Dazu gehörten überzeugte Nationalsozialisten und ausländische Freiwillige, aber auch, insbesondere gegen Kriegsende, zwangsrekrutierte Personen und Minderjährige. Die Waffen-SS war für zahlreiche Kriegsverbrechen verantwortlich, beteiligte sich am Holocaust und wurde bei den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen 1946 als kriminelle Organisation eingestuft.

Sinkt der Wasserstand der Donau, legt der Fluss dieses Motorrad frei.
Sinkt der Wasserstand der Donau, legt der Fluss dieses Motorrad frei. Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V.

Der Fundort lag in einem Gebiet, in dem Hafenschlamm angesammelt war, der mit Kerosin vermischt war. Diese besonderen Bedingungen haben offenbar dazu beigetragen, sowohl die Motorradteile als auch die Erkennungsmarken außergewöhnlich gut zu erhalten.

Der Volksbund kann nun die Details der Marken mit Militärunterlagen, Vermisstenmeldungen und seiner eigenen Datenbank „Gräbersuche Online“ vergleichen, die inzwischen etwa 5,4 Millionen Einträge enthält.

Was hat die DKW NZ 350-1 mit den Soldaten zu tun?

Nach aktuellen Angaben handelt es sich bei dem Motorrad um eine in Sachsen hergestellte DKW NZ 350-1. Dieses Modell wurde ab 1944 speziell für den Kriegseinsatz entwickelt.

Allerdings beweist die bloße Tatsache, dass das Motorrad zusammen mit den beiden Toten gefunden wurde, nicht, dass die Soldaten damit unterwegs waren.

Verschiedene Szenarien sind denkbar: Die beiden Männer könnten das Motorrad selbst gefahren sein, einer als Fahrer, der andere als Beifahrer. Es ist auch möglich, dass die DKW einer Einheit gehörte, während die beiden Soldaten aus einem anderen Kontext kamen. Eine weitere Möglichkeit ist, dass das Motorrad erst nach dem Tod der Männer an den Ort gelangte. Das Fahrzeug könnte während der Kämpfe in die Donau gefallen sein oder später bewusst dort versenkt worden sein.

Ein Wehrmacht-Motorrad, das aus der Donau in Budapest geborgen wurde (c) Volksbund für Kriegsgräberpflege
Ein Wehrmacht-Motorrad, das aus der Donau in Budapest geborgen wurde (c) Volksbund für Kriegsgräberpflege Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V. / Simone Schmid

Auch Munition lag im Flussbett

Während der Bergungsarbeiten musste der Kampfmittelräumdienst hinzugezogen werden, weil neben anderem Gerät auch Typ‑35‑Tellerminen entdeckt wurden – deutsche Panzerabwehrminen aus dem Zweiten Weltkrieg.

Der Ungarisches Militärgeschichtliches Institut (Quelle auf Deutsch) (Quelle auf Ungarisch) hält es für möglich, dass es sich bei der Stelle um eine Nachbelagerungsablage für Kriegsmaterial und Abfälle handelt. Ob die gefundenen Gegenstände dort bewusst entsorgt wurden und unter welchen Umständen, kann noch nicht abschließend geklärt werden.

Eine Verbindung zur Schlacht um Budapest?

Aus historischer Sicht erscheint eine Verbindung zu den Kämpfen um Budapest plausibel.

Die Schlacht um Budapest dauerte von Ende Oktober bzw. Anfang November 1944 bis zum 13. Februar 1945 und gehörte zu den blutigsten und militärisch härtesten Auseinandersetzungen in der Endphase des Zweiten Weltkriegs in Ungarn. Budapest wurde von deutschen und ungarischen Einheiten gegen die Rote Armee der Sowjetunion und rumänische Truppen verteidigt. Nachdem die Stadt Ende Dezember 1944 eingekesselt war, verwandelte sich die Schlacht in eine lange Belagerung, die mit der Einnahme Budapests durch sowjetische Truppen am 13. Februar 1945 endete.

Die Kämpfe waren extrem brutal und forderten zahlreiche Opfer auf beiden Seiten.

Heute ist der deutsch-ungarische Kriegsgottesacker in Budaörs westlich von Budapest die größte Grabstätte für deutsche und ungarische Kriegstote in Ungarn. Dort liegen vor allem Soldaten begraben, die in Budapest und den östlich der Donau gelegenen Gebieten gefallen sind. Laut Volksbund haben dort nun 16.630 Verstorbene ihre letzte Ruhestätte gefunden.

Die Überreste der beiden Wehrmachtssoldaten werden auf dem Kriegsgottesacker Budaörs bei Budapest beigesetzt.
Die Überreste der beiden Wehrmachtssoldaten werden auf dem Kriegsgottesacker Budaörs bei Budapest beigesetzt. Uwe Zucchi

Ob die beiden Männer aus der Donau tatsächlich während der Schlacht um Budapest gefallen sind, kann nur die zukünftige Forschung beantworten. Sicher ist bereits, dass ihre Überreste auf dem Kriegsgottesacker Budaörs beigesetzt werden.

Der Fund zeigt, wie viele Spuren der Vergangenheit noch heute in den Flüssen Europas verborgen sind. Die Donau war nicht nur während der Kriege eine zentrale Verkehrs- und Transportader.

Der Volksbund rechnet ausdrücklich damit, dass der aktuelle niedrige Wasserstand ebenfalls zur Bergung weiterer Kriegstoter aus auftauchenden Schiffswracks führen könnte.

Der Fund in Budapest könnte daher nicht der letzte seiner Art sein.

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